Wege zur Karriere

Der Trend ist unverkennbar: Immer mehr junge Menschen streben immer höhere Bildungsabschlüsse an. Inzwischen beginnen sogar mehr Schulabgänger ein Studium als eine Lehre. Nie waren die Chancen der Jugendlichen auf einen Ausbildungsplatz so gut wie heute und noch nie gab es so viele verschiedene Möglichkeiten, ins Arbeitsleben zu starten.

Deutschland hat so wenig Auszubildende wie noch nie. Stellen bleiben frei, weil viele Berufe als unattraktiv gelten. Die Herausforderung für Unternehmen, offene Ausbildungsplätze zu besetzen, ist hoch. 31 Prozent der Betriebe berichten, dass sie nicht alle angebotenen Ausbildungsplätze besetzen konnten. Damit wird der Spitzenwert aus dem Jahr 2015, wo es 32 Prozent waren, fast wieder erreicht. Zehn Jahre zuvor waren es dagegen zwölf Prozent. Ein weiteres Problem: Mehr und mehr Unternehmen erhalten gar keine Bewerbungen mehr. Jedesvierte Unternehmen, das nicht alle Ausbildungsplätze besetzen konnte, hat in diesem Jahr keine Bewerbungen von Jugendlichen erhalten. Der häufigste Grund für die Nichtbesetzung von Ausbildungsplätzen ist jedoch der Mangel an geeigneten Bewerbern. 71 Prozent der Betriebe haben zwar Bewerbungen erhalten, die Bewerber waren aber nicht geeignet für den angebotenen Ausbildungsplatz. All das sind Ergebnisse einer aktuellen Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), der Unternehmen zu ihren Ausbildungserfahrungen befragt hat. Insgesamt beteiligten sich 11.269 Unternehmen an der Online-Umfrage.
In Ostwestfalen falle der „Azubi-Schwund“ allerdings geringer aus als im NRW-Ländervergleich, stellt Swen Binner, IHK-Geschäftsführer Berufliche Bildung, fest. Betrug das Minus für ganz NRW laut der Statistik von IT.NRW 2015 gegenüber 2014 glatte zwei Prozent, so ging die Zahl der Auszubildenden im gleichen Zeitraum in Ostwestfalen zum Stichtag 31.12.2015 um 0,6 Prozent auf insgesamt 20.238 zurück. „Das ist eine deutliche Abkopplung vom NRW-Landestrend“, betont der Bildungsexperte. Deutlich zugenommen habe dagegen die Zahl der Studierenden. Diese erhöhte sich an den Universitäten und Hochschulen in Ostwestfalen im Vergleich vom Wintersemester 14/15 zum Wintersemester 15/16 um 4,6 Prozent auf 65.133. „Tendenziell beobachte ich ein zurückgehendes Interesse junger Schülerinnen und Schüler an der beruflichen Bildung. Diese wird durch die rückläufige Entwicklung der Schulabgängerzahlen verstärkt“, sagt Binner und blickt auf die lokale Wirtschaft: „Es gibt in der Region einen ausgewogenen Branchenmix mit hohem Anteil mittelständisch geprägter und eigentümergeführter Unternehmen, die sich in besonderer Weise zur dualen Ausbildung bekennen. Den Ausbildungskonsens betreffend, ist die Kooperation zwischen den Kammern, der Agenturen für Arbeit, der Jobcenter und vor allem auch der Berufskollegs hervorragend.“
Doch die Azubigewinnung ist längst kein Selbstläufer mehr und bedarf einer auf das Unternehmen zugeschnittenen Vermarktungsstrategie. Ob Fokussierung auf spezielle Bewerbergruppen, wie junge Mütter in Teilzeitausbildung oder Zusatzangebote für Leistungsstarke und Studienaussteiger – die Ansatzpunkte sind vielfältig und das Engagement der Unternehmen nimmt von Jahr zu Jahr zu. Mehr als jedes fünfte Unternehmen bietet neben der klassischen dualen Ausbildung auch duale Studiengänge an, und auch der Anteil an Unternehmen, die Auslandsaufenthalte während der Ausbildung ermöglichen, hat sich in drei Jahren mehr als verdoppelt – Azubimarketing ist das neue Stichwort. Um die Vorzüge einer dualen Ausbildung zu betonen, lassen sich die Betriebe inzwischen Einiges einfallen, mittlerweile gehen 43 Prozent der Unternehmen in dieser Hinsicht einen besonderen Weg – so werben kleinere Firmen in Klubs und Vereinen für eine Lehre, treten bei Sport-Events als Sponsoren auf. Größere Unternehmen starten sogar reine Ausbildungskampagnen oder offerieren besondere Zusatzangebote.

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Ein besonderes „Bonbon“ hält die SMV Sitz-& Objektmöbel GmbH in Löhne für ihren Nachwuchs bereit, dem sie zwei Autos der Marke „VW up“ zur Verfügung stellt, die nicht nur während der Arbeitszeit, sondern auch nach Feierabend im monatlichen Wechsel genutzt werden dürfen. Die Autos wurden auf den Namen „Carzubis“ getauft. „Wir wissen, dass heute besonders kreative Ideen gefragt sind, um junge Leute zu gewinnen. Eine gute Förderung und Unterstützung sind der beste Weg, um qualifizierte Mitarbeiter auszubilden“, sagt die Familienunternehmerin Inge Brünger-Mylius. Mit dem „Carzubi“-Projekt hat sich die Möbelfirma für die Auszeichnung „Ausbildungs-Ass“ unter der Schirmherrschaft des Bundeswirtschaftsministeriums beworben. Wenn es mit einem Platz unter den besten drei Unternehmen klappt, dann winken bis zu 2.500 Euro. Das Preisgeld würde komplett und sofort in den Nachwuchs investiert werden. „Die Angebote für uns Azubis sind wirklich sehr großzügig“, sagt Laura Brandt, Auszubildende zur Kauffrau für Groß- und Außenhandel.

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Artikel: Ostwestfälische Wirtschaft September 2016 (Gesamter Artikel)

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