Das Büro als Ausstellungsfläche

Gut eingerichtet: Sitzmöbel, die Brandschutzanforderungen entsprechen, auf Wunsch knallbunt sind und dann noch Schall absorbieren – sie sind das Markenzeichen der Firma SMV aus Löhne

In einem unauffälligen Flachbau, in einem Industriegebiet nahe Bad Oeynhausen, sind Geschäftsführerin Inge Brü̈nger-Mylius und die mehr als 30 Mitarbeiter tätig, mitten in ihrer Möbelausstellung.
Die Idee mag ein wenig skurril klingen. Marketingexpertin Jana Klumpp weiß um die Wirkung ihrer Worte, wenn sie dem Besucher ankündigt, dass kein Mitarbeiter einen festen Schreibtisch habe, dass die Ausstellung zum Büro und zugleich zur Ausstellung geworden sei. Die eigenen Sessel, die eigenen Stühle müssen sich nun bewähren, denn die eigenen Mitarbeiter übernehmen bei SMV den Dauertest der Produkte – ein Gewinn und zugleich eine Umgewöhnung, sagt Chefin Brü̈nger-Mylius. Modelle namens „Manhattan Highback“ und „FourtyTwo“ haben mannshohe Rückenlehnen. Wer darin sitzt, taucht ab. Die Hochlehner stehen ebenfalls in dem neuen Großraumbüro.
Die Mitarbeiter des Innendienstes nutzten dort bislang 80 Quadratmeter, die Kollegen des Außendienstes etwa 50 und die ehemalige Schaufläche war 120 Quadratmeter groß. Dann kam der Umbau.
„Heute kann sich jeder aussuchen, wo er arbeitet“, sagt Brü̈nger-Mylius. Vor vier Jahren war sie mit ihrem Betrieb in das Gebäude gezogen. Bis vor kurzem habe das Haus über durchschnittliche Einzel- und Gruppenbüros verfügt, unter anderem Vierer- und Sechser-Einheiten. Was andere für einen Segen halten, dass sie die Tür schließen können und für sich sind, sieht das Team um Brü̈nger-Mylius anders. Zeit, Nerven und Produktivität hätten wegen der kleinen Büros gelitten, lautet das Fazit.
In einer Broschüre wirbt SMV bei potenziellen Kunden für die eigenen Produkte und damit für die hauseigene Bürolösung, die „Communication Area“. Zunächst galt es, dafür Wände einzureißen – wortwörtlich. Das Credo der Chefin: „Mehr Freiheit für jeden Mitarbeiter.“ 250 Quadratmeter groß ist das neue Großraumbüro, das trotz der großen Fläche kommunikativer, lauschiger, praktischer und schöner sein soll als zuvor.
Nicht zuletzt die Gesundheit der Mitarbeiter spiele dabei eine Rolle. So gibt es höhenverstellbare Schreibtische, an denen man im Stehen arbeiten kann und die leise surrend, fast lautlos, nach oben fahren. Seinen Rollcontainer parkt jeder nach Dienstschluss in einer sogenannten Containergarage und sucht sich morgens spontan aus, an welchem Schreibtisch er heute sitzt oder steht. „In der Praxis ist es so, dass manche Mitarbeiter zwei Wochen für eine Projektarbeit einen Tisch nutzen oder nur einen Tag.“
Mobile Telefone stehen auf den Tischen und die Bürobeleuchtung wird über Bewegungsmelder ausgelöst und dimmt sich automatisch, der Umgebungshelligkeit entsprechend, heller oder dunkler. Für lange Telefonate gibt es ein Séparée mit Sitzsäcken, für Besprechungen stehen besagte Sessel bereit, die überdurchschnittlich hohe Rücken- und Seitenteile haben. Aneinandergereiht stellt sich beim Sitzen ein Gefühl aus Kindertagen ein, wie in einer selbstgebauten Bude – ein wenig abgeschottet, aber trotzdem ist man mittendrin im Geschehen.
Nicht jeder Mitarbeiter habe sich allerdings sofort mit dem großen Raum angefreundet, sagt Geschäftsführerin Brü̈nger-Mylius. „Das ist ein bisschen wie mit dem Spinat beim Mittagessen. Du musst es ausprobieren.“ Einer älteren, zunächst skeptischen Kollegin habe sie daher eine sechsmonatige Testphase angeboten.
Und auch sie sei nachher überzeugt gewesen, ein Fan geworden, wie die Chefin sagt. „Wir möchten sensibilisieren, die Idee vermitteln, nicht einfach nur Möbel verkaufen. “Der Fachhandel, der die SMV-Möbel im Angebot hat, schicke regelmäßig Kunden zum Probesitzen vorbei. „Und jeder, der hier war, ist begeistert.“ Die Firma sei dadurch im Gespräch. „Als Verkaufskonzept sehe ich es nicht in erster Linie. Ich bin einfach so“, betont die Chefin.
Bezahlt gemacht habe sich eine weitere Idee: In einer Ecke hängen bis zur Decke kleine Kissen, die Hunderte von möglichen Stofffarben zeigen. Der Kunde kann aus mehr als 400 wählen. Ob Rot, Grün oder Blau, es gibt zahllose Farbnuancen. Das sei ein Alleinstellungsmerkmal. „Früher ging es um den Preis. Gewünscht wurde irgendein Stoff aus Gruppe 1, weil er eben günstig war. Das wollte ich aufbrechen.“ Heute sei das anders, heute sei der Kunde wählerischer.
50.000 Euro habe sie für den Umbau 2015 bezahlt, weitere 35.000 Euro in diesem Jahr. Für das mittelständische Unternehmen seien das keine kleinen Summen. Die „Wohlfühlatmosphäre“ sei es aber wert gewesen, betont die Geschäftsführerin.
Nur sie selbst könne auf ihr Einzelbüro nicht verzichten, da sie zu viele vertrauliche Telefonate und Personalgespräche führe. „Auch wenn ich es eine Zeit lang versucht habe. Das klappt leider nicht“, fasst sie zusammen.

Zahlen, Daten und Fakten

  • Die SMV Sitz- und Objektmöbel GmbH macht jährlich etwa 5 Millionen Euro Umsatz. Sie wurde 1994 gegründet und beschäftigt heute 35 Mitarbeiter.
  • Namhafte Kunden sind Firmen wie Siemens und Audi, außerdem Flughäfen und Universitäten.
  • 2001 fand die erste Hausmesse statt.
  • 2014 erhielt das Unternehmen die Auszeichnung „Innovativste Marke des Jahres“.
  • 2015 folgten der „Preis der Inter Airport Europa“ und der „German Design Award“.

Bildunterschrift: Wohlfühlatmosphäre: Mitarbeiterin Yildiz Güler in der neuen, offen gestalteten Communication-Area.

Artikel: Neue Westfälische 16. März 2016 (Text und Foto: Kristine Greßhöner)

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